Was ist Neurodiversität?

…und wie können wir die Art und Weise wie wir uns im deutschsprachigen Raum darüber unterhalten verbessern?

Eine Neurodivergenz wie ADHS, Aspergers oder viele andere stellen nicht zwingend eine Behinderung oder Störung dar. Neurowissenschaftler und Psychologen in den USA haben das bereits schon wissenschaftlich fundiert erwiesen, nur leider ist das bei uns noch nicht vollständig angekommen. 

Nur eins von vielen Beispielen: Im Silicon Valley gibt es eine Job-Agentur die speziell nach Menschen mit Asperger Syndrom sucht, da diese in den meisten Fällen eine überdurchschnittliche Intelligenz haben, unter anderem, und überdurchschnittlich für anspruchsvolle Jobs in der IT qualifiziert sind. Die Arbeitgeber in Silicon Valley sind extra geschult, um für ‚Aspies‘ gute und inklusive Chefs zu sein.  

Wenn wir jedoch immer nur über die Defizite von einem neurodivergenten Gehirn reden (und welches Gehirn ist eigentlich akkreditiert neurotypisch?!), und nie über die Vorteile – lassen wir ein riesiges Potenzial völlig brach liegen und noch dazu sorgen wir dafür, dass ein neurodivergenter Mensch niemals ein gesundes Selbstbewusstsein in unserer Gesellschaft aufbauen kann, und so nie sein volles Potenzial entfalten kann.

Der richtige Wortschatz (wortwörtlich) ist ein guter Anfang!

Schluß mit „Störung“ und „Defizit“. In den USA, wo die Begriffe für alle psychischen Krankheiten festgelegt werden im DSM, laufen bereits Anstrengungen von vielen Neurowissenschaftlern den Begriff „Deficit“ (=Defizit, wie in „ADHD“, engl. für ADHS) in Syndrom zu ändern (Syndrom statt Störung). Bis der neue DSM jedoch raus kommt UND dann noch ins Deutsche übersetzt wird…. das kann noch dauern! Wir müssen nicht so lange warten, die Erkenntnisse dazu gibt es schon jetzt!

Lasst uns schon JETZT anfangen unseren Wortschatz umzustellen:

(Falls du den folgenden Text lieber hören als lesen möchtest, findest du ihn unter Podcast Episode 1 und auf meinem Youtube channel. – Quellenangaben am Ende. Übersetzung aus dem Englischen v. staatl. gepr. Übersetzer)

Neurodiversität ist die Vielfalt und Diversität des menschlichen Verstandes. Die neurokognitiven Funktionen, also die Art wie jeder von uns sein Gehirn benutzt und wie es arbeitet, ist genauso individuell wie unser Fingerabdruck.

Dafür gibt es zahlreiche wissenschaftliche Beweise, die ganz klar zeigen, dass es erhebliche Unterschiede zwischen menschlichen Gehirnen gibt. Tatsächlich haben wir unser Überleben als Spezies der Tatsache zu verdanken, dass jedes Gehirn etwas anders arbeitet. Denn: wir sind erfinderisch, motiviert und wissbegierig, und das jeder auf seine individuelle Art und Weise.

Das Neurodiversitäts-Paradigma (ND) ist ein spezifischer Blick auf Neurodiversität bzw. ein Ansatz, der sich auf die folgenden drei grundlegenden Prinzipien stützt:

Erstens: Neurodiversität ist eine natürliche und wertvolle Form der menschlichen Diversität.

Zweitens: Die Vorstellung, dass es einen normalen oder gesunden Gehirn- oder Verstandestyp, oder eine richtige neurokognitive Funktionsweise gibt, ist eine kulturell konstruierte Fiktion. Sie ist für eine gesunde Gesellschaft oder das allgemeine Wohlergehen der Menschheit ebenso wenig gültig und förderlich wie die Vorstellung, dass es eine normale oder richtige ethnische Zugehörigkeit, ein richtiges Geschlecht oder eine richtige Kultur gibt.

Drittens: Die soziale Dynamik, die sich in Bezug auf die neurologische Diversität manifestiert, ähnelt der sozialen Dynamik, die sich in Bezug auf andere Formen der menschlichen Vielfalt manifestiert, wie z.B. bei der Diversität von ethnischer Zugehörigkeit. Diese Dynamik beinhaltet eine soziale Ungleichbehandlung auf der einen Seite, aber auch die Erschließung von kreativem Potenzial, falls die Neurodiversität angenommen und integriert wird.

Ein Beispiel für die korrekte Begrifflichkeit: Diejenigen, die sich das Paradigma der Neurodiversität zu eigen gemacht haben und es wirklich verstehen, verwenden keine pathologisierenden Begriffe wie „Störung“ oder „Krankheit“, um neurologische Minderheits-Varianten wie Autismus oder ADHS zu beschreiben.

 Der Begriff „neurodivergent“ bezieht sich auf ein Gehirn, das in einer Weise funktioniert, die erheblich von den vorherrschenden gesellschaftlichen Normen des Normalen abweicht.

Das ND-Paradigma ist ein soziales Modell, welches beschreibt, dass Menschen als „neurotypisch“ gelten, wenn sie von der Gesellschaft gegenwärtig als akzeptable soziale Norm erachtete Verhaltensweisen an den Tag legen.

Umgekehrt sind Menschen, deren Verhaltensweisen und Interaktionen mit der Welt derzeit als inakzeptabel gelten, neurodivergent.

Neurodivergenz selbst ist ein weit gefasster Begriff. Der neurodivergente Zustand kann weitgehend oder vollständig genetisch bedingt sein, oder er kann weitgehend oder vollständig durch hirnverändernde Erfahrungen hervorgerufen werden, oder durch eine Kombination von beidem.

Einige Formen angeborener oder weitgehend angeborener Neurodivergenz wie Autismus oder ADHS sind intrinsische und allgegenwärtige Faktoren in der Psyche, der Persönlichkeit und der grundlegenden Art und Weise, sich auf die Welt zu beziehen.

Das Neurodiversitäts-Paradigma lehnt die Pathologisierung solcher Formen von Neurodivergenz ab, während das amerikanische „Neurodiversity Movement“ (Neurodiversitäts-Bewegung) sich gegen Versuche wendet, sie abzuschaffen.  

Das folgende ist ein Beispiel für die korrekte Verwendung des Wortes neurodivergent:
„Unsere Lerneinrichtung ist bestrebt, Schüler mit Autismus, Legasthenie oder anderen Formen von Neurodivergenz zu integrieren.“ 

Das Wort „neurotypisch“ hingegen bedeutet, dass die Art der neurokognitiven Funktion in den vorherrschenden gesellschaftlichen Standard der Normalität fällt.

Neurotypisch ist das Gegenteil von neurodivergent und ist der Zustand, von dem neurodivergente Menschen abweichen.

Wichtig ist, dass neurotypisch nicht gleichbedeutend mit nicht-autistisch ist. Denn Autismus ist nur eine von vielen Formen von Neurodivergenz. Es gibt sehr viele Menschen, die weder neurotypisch noch autistisch sind.

Wir können auch eine Neurominderheit beschreiben, d. h. eine Population von neurodiversen Menschen, auf die alle folgenden Punkte zutreffen:

Erstens: Sie teilen alle eine ähnliche Form von Neurodivergenz.

Nummer zwei: Die Form der geteilten Neurodivergenz ist eine der Formen, die weitgehend angeboren und untrennbar mit dem verbunden ist, was sie sind. Dies stellt einen intrinsischen und durchgehenden Faktor in ihrer Psyche, ihrer Persönlichkeit und ihrer grundlegenden Art und Weise, sich auf die Welt zu beziehen, dar.

Drittens: Die neurotypische Mehrheit reagiert mit einem gewissen Maß an Vorurteilen, Missverständnissen, Diskriminierung und/oder Unterdrückung auf die Neurominderheit, was oft durch die Einstufung als medizinische Pathologie begünstigt wird. Einige Beispiele für neurominoritäre Gruppen sind Autisten, Bipolare, ADHSler oder Legastheniker.

Mit diesem Verständnis der Terminologie ist es nun einfacher zu erkennen, dass in einer neurodiversen Gruppe mehrere neurokognitive Stile vertreten sind.

So wäre eine Familie, die Fakultät oder die Schülerschaft einer Schule, die Bevölkerung einer Stadt oder die Besetzung einer Fernsehsendung neurodivers, wenn einige Mitglieder andere neurokognitive Stile haben als andere. Zum Beispiel, wenn einige Mitglieder neurotypisch und andere autistisch sind.

Und was die Terminologie und die korrekte Verwendung betrifft, so ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass es so etwas wie ein neurodiverses Individuum nicht gibt; der korrekte Begriff ist neurodivergentes Individuum, denn Vielfalt ist eine Eigenschaft von Gruppen, nicht von Individuen. Das ist ein wesentlicher Bestandteil der Bedeutung und der korrekten Verwendung des Begriffs Diversität. Gruppen sind vielfältig, Individuen divergieren.

Kein Mensch fällt aus dem Spektrum der menschlichen Neurodiversität heraus, genauso wie kein Mensch aus dem Spektrum der menschlichen rassischen, ethnischen und kulturellen Vielfalt herausfällt.

Vielleicht lebst du selbst in einer neurodiversen Familie, zu der drei Neurotypische, zwei Autisten, eine Person mit bipolarer Störung und Legasthenie sowie eine Katze und ein Hund gehören.

Neurodiversität ist also eine Tatsache, und es ist von grundlegender Bedeutung, dass die Menschen die Normalität der Vielfalt verstehen, vor allem, damit wir gemeinsam die sozialen Ungleichheiten und Dynamiken bekämpfen können, welche diejenigen unterdrücken und schädigen, die als abnormal oder gestört gelten: die neuronalen Minderheiten in unserer Gesellschaft.

Quellenangaben:

Das Buch „The Power of Neurodiveristy“ von Dr. Thomas Armstrong PhD (https://www.institute4learning.com/books-list/ )

Psychologe Nick Walker, queer, transgender Buchautor und Professor der Psychologie am California Institute of Integral Studies (https://neuroqueer.com )

Dr. Chloe Farahar hat einen PhD in Sozialpsychologie, sie ist eine autistische Ausbilderin u.a. (https://aucademy.co.uk/chloe-farahar-phd/ )